Vom Gesetzestext zur Lebenswirklichkeit
Die vorherigen beiden Blogbeiträge haben gezeigt, wie das geplante Ladenöffnungsgesetz (LadÖG) in Baden-Württemberg den rechtlichen Rahmen für vollautomatisierte Nahversorger definieren will und wie emotional die politische Debatte um Sonntagsöffnung, Gottesdienstzeiten und Wahlkampfpositionierungen geführt wird. Im dritten Teil geht es nun um jene, über die alle reden, die aber in der politischen Auseinandersetzung oft nur als Projektionsfläche auftauchen: die Kundinnen und Kunden vor Ort.
Die Whitepaper Nr. 49 „Smart Store 24/7 – Ergebnisse einer quantitativen Kundenbefragung 2025“ und Nr. 52 „Warum Kunden in Smart Store 24/7 einkaufen?“ der DHBW Heilbronn liefern erstmals eine systematische, datenbasierte Sicht auf genau diese Perspektive. Befragt wurden ausschließlich tatsächliche Nutzerinnen und Nutzer unbemannter Nahversorger, vor allem in ländlichen Regionen – also genau jene Zielgruppe, um die es beim LadÖG und der Sonntagsdiskussion geht.
Wer einkauft: echte Dorfläden, echte Nutzer
Die quantitative Studie (Whitepaper 49) umfasst 1.440 Kundinnen und Kunden verschiedener unbemannter Nahversorger, die überwiegend in ländlichen Orten mit rund 1.000–3.000 Artikeln einkaufen. Im Durchschnitt besuchen sie „ihren“ Nahversorger etwa 1,6-mal pro Woche; rund 60 Prozent kommen einmal pro Woche oder seltener, 40 Prozent häufiger. Damit zeigt sich: Unbemannte Shops sind für viele Haushalte ein regelmäßiger Baustein in der Einkaufsroutine, nicht nur ein „Notfall-Automat“.
Als Haupt-Einkaufsstätten für den Wocheneinkauf bleiben Supermärkte und Discounter zwar dominant, aber die unbemannten Nahversorger übernehmen eine zunehmend wichtige Rolle für ergänzende und spontane Käufe im Wohnumfeld. Besonders häufig werden Molkereiprodukte, Backwaren und haltbare Lebensmittel gekauft – also genau die Warengruppen, die für die Grundversorgung entscheidend sind.
Öffnungszeiten sind der wichtigste Grund für die Nutzung
Eines der klarsten Ergebnisse der quantitativen Befragung betrifft die Bedeutung der Öffnungszeiten: Auf einer Skala von 1 („sehr wichtig“) bis 4 („sehr unwichtig“) erhalten Öffnungszeiten einen Durchschnittswert von 1,31 – wichtiger als Erreichbarkeit (1,47), Bequemlichkeit (1,59), Sortiment (1,68) und deutlich vor dem Preis (1,89). Für die Kundschaft ist also entscheidend, dass der Store dann offen ist, wenn er im Alltag wirklich gebraucht wird.
Passend dazu geben 93,2 Prozent der Befragten an, dass es ihnen wichtig ist, „fast jederzeit“ im unbemannten Nahversorger einkaufen zu können. Die 24/7-Option ist damit nicht einfach ein technisches Feature, sondern Kern der wahrgenommenen Wertschöpfung: Einkaufen, wenn Schicht endet, wenn Kinder im Bett sind oder wenn sonntags spontan etwas fehlt.
Tabelle 1: Bedeutung zentraler Faktoren
| Faktor | Anteil „sehr wichtig / wichtig“ | Durchschnittswert (1=sehr wichtig, 4=sehr unwichtig) |
|---|---|---|
| Öffnungszeiten | 93,6% | 1,31 |
| Erreichbarkeit | 95,3% | 1,47 |
| Bequemlichkeit | 92,7% | 1,59 |
| Sortiment | 97,3% | 1,68 |
| Preis | 87,0% | 1,89 |
Die Daten belegen: Die Kundschaft akzeptiert ein leicht höheres Preisniveau und ein im Vergleich zu großen Supermärkten weniger tiefes Sortiment, wenn dafür Öffnungszeiten, Erreichbarkeit und Bequemlichkeit stimmen. Genau diese Aspekte geraten jedoch in Gefahr, wenn 24/7-Modelle durch zu enge Sonntagsfenster oder durch restriktive lokale Eingriffe ausgehöhlt werden.
Tabelle 2: Zustimmung zur Sonntagsöffnung
Besonders eindrücklich ist die Abfrage „Ich schätze die Sonntagsöffnung bei meinem unbemannten Nahversorger“, die in Whitepaper 49 dargestellt ist. Stolze 94,9 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu – nur ein kleiner Rest bewertet die Sonntagsöffnung kritisch oder neutral.
| Antwortkategorie | Anteil der Befragten |
|---|---|
| „stimme sehr zu“ | 85,8% |
| „stimme eher zu“ | 9,1% |
| „teils/teils“ | 3,2% |
| „stimme eher nicht zu“ | 1,0% |
| „stimme überhaupt nicht zu“ | 0,9% |
Vor dem Hintergrund dieser Zahlen wirkt es fast surreal, wie kontrovers Sonntagsöffnung in Politik und Teilen der Öffentlichkeit diskutiert wird: Während im Landtag und in Pressekommentaren gerne über „Shopping-Boom am Sonntag“ gestritten wird, wünschen sich die tatsächlichen Stammkundinnen in den Dörfern schlicht, dass ihr Nahversorger legal geöffnet bleiben darf.
Emotionale Bindung
Die quantitative Studie zeigt außerdem eine starke emotionale Bindung an die unbemannten Läden: 95 Prozent der Befragten finden, dass ihr Ort durch den unbemannten Nahversorger aufgewertet wird; 90 Prozent geben an, nicht mehr auf ihren Nahversorger verzichten zu wollen, und 93 Prozent sagen: „Ich mag meinen unbemannten Nahversorger“ bzw. „Ich möchte nicht mehr auf meinen Nahversorger verzichten.“
Diese Werte gehen weit über nüchterne Nützlichkeit hinaus. Die Läden werden als Teil der lokalen Infrastruktur erlebt, der das Dorf „moderner“ macht und zugleich etwas von der früheren Rolle kleiner Dorfläden zurückbringt – nur eben mit digitalem Zugang und ohne klassische Ladenzeiten. Damit verstärken die Daten die Argumentationslinie aus den beiden vorherigen Blog Beiträgen: Es geht nicht um eine zusätzliche Shopping-Option, sondern um einen Baustein kommunaler Daseinsvorsorge.
Qualitative Einblicke: Warum Kunden tatsächlich dort einkaufen
Das qualitative Whitepaper 52 ergänzt die Zahlen um ATM-Interviews am Point of Sale und zeigt, welche Motive hinter der starken Zustimmung stehen. In-App-Interviews mit Shoppern direkt beim Einkauf ergaben, dass Convenience das zentrale Motiv ist: Schnelligkeit des Einkaufs, längere Öffnungszeiten und keine Kassenschlangen werden mit Abstand am häufigsten als Vorteile gegenüber traditionellen Supermärkten genannt.
Gleichzeitig werden höhere Preise und eine eingeschränkte Produktvielfalt als Nachteile benannt – die Kundschaft nimmt diese aber bewusst in Kauf, wenn Alltagsrealität und Zeitbudget nicht zu klassischen Ladenöffnungszeiten passen. Besonders für Berufstätige, Eltern, Pendler und ältere Menschen im ländlichen Raum erfüllen 24/7-Nahversorger eine Lücke zwischen großem Wocheneinkauf und spontanen Bedarfsspitzen.
Nahversorgung auf dem Land: Aufwertung statt Kannibalisierung
Ein wichtiger Aspekt für die Gesetzesdiskussion ist die Frage, ob unbemannte Läden andere stationäre Angebote kannibalisieren. Die quantitative Studie zeigt: Nur rund ein Viertel der Befragten gibt an, seit der Eröffnung ihres unbemannten Nahversorgers seltener in anderen Lebensmittelgeschäften einzukaufen. Für die Mehrheit verändert sich das Einkaufsverhalten also nicht dramatisch – die neuen Läden ergänzen klassische Supermärkte und Discounter eher, als sie zu ersetzen.
Gleichzeitig empfinden 94,7 Prozent, dass ihr Ort durch den unbemannten Nahversorger aufgewertet wird. Dies passt zu den qualitativen Befunden, wonach Kundinnen den Laden als Symbol dafür sehen, dass „ihr“ Dorf nicht abgehängt wird, sondern digitale Innovation aktiv nutzt. Im Kontext von Blog 2 bedeutet das: Die mediale Erzählung vom „umstrittenen Smart Store“ steht einem Alltagserleben gegenüber, in dem der Laden einfach als selbstverständlicher Teil des Ortes wahrgenommen wird.
Alltagserleichterung statt „Sonntags-Shopping“
Die Studienergebnisse widersprechen auch der Vorstellung, bei 24/7-Nahversorgern gehe es primär um zusätzliche Konsumanreize. 82 Prozent der Befragten geben an, dass ihr unbemannter Nahversorger ihren Alltag vereinfacht, und 93 Prozent halten es für wichtig, fast jederzeit einkaufen zu können. Aus qualitativer Sicht beschreibt ein großer Teil der Interviewten den Einkauf eher als pragmatische Lösung für konkrete Bedarfe – das „schnell noch was holen“, nicht den Bummel am Sonntag.
In der Kombination lässt sich daraus eine klare Botschaft ableiten: Wer das LadÖG so gestaltet, dass Sonntagsöffnung rechtssicher möglich ist, fördert nicht vorrangig „Freizeit-Shopping“, sondern ermöglicht eine alltagstaugliche Daseinsvorsorge, die sich an den Lebensrealitäten von Berufstätigen, Familien und älteren Menschen orientiert.
Fazit: Die Bevölkerung ist weiter als die Politik
Die beiden Whitepaper machen deutlich, dass die Kundinnen und Kunden im ländlichen Raum den unbemannten Nahversorger längst als festen Bestandteil ihres Alltags akzeptiert haben – inklusive Sonntagsöffnung und 24/7-Zugänglichkeit. Während Politik, Kirchen und Verbände noch über Details des LadÖG ringen und Wahlkampfprofile schärfen, haben sich die Menschen vor Ort bereits entschieden: Sie wollen diese Form der Nahversorgung behalten und die Betreiber wollen sich rechtssicher weiterentwickeln.
Für die laufende Gesetzesdiskussion bedeutet das: Wer ernst nimmt, was die Bevölkerung sagt, sollte 24/7-Nahversorger nicht als Problem, sondern als Teil der Lösung begreifen – vorausgesetzt, der Sonntagsschutz wird über Flächenbegrenzung, Sortimentsdefinition und Arbeitszeitregeln klar gesichert, wie es der Entwurf vorsieht. Die Daten der DHBW Heilbronn liefern dafür eine belastbare Grundlage, die in der weiteren politischen Debatte stärker berücksichtigt werden sollte.
